Dienstag, 9. Juli 2013
Paul Tillichs Briefwechsel
paulemeister, 00:06h
Paul Tillich – Netzwerk: Zeitzeugnisse
Paul Tillich: aus seinen Briefwechseln und Streitschriften
Schriftkontakt zu Friedrich Büchsel:
Friedrich Büchsel: Geb. 2.7. 1883 in Stücken; Brandenburg (Vater Pfarrer); Gymnasium Paulinum; Studium der Ev. Theologie Tübingen, Halle (Begegnung mit Tillich); Systematischer Exeget; Inspektor am Predigerseminar Soest (1907); 1911 Habilitation zum johanneischen Wahrheitsbegriff; 1908 Ruf für Neues Testament nach Rostock, Professur in Rostock bis zum Tod
Brief von Paul Tillich an Friedrich Büchsel:
Berlin, den „vierten Feiertag“ (1907)
„Lieber Friedrich!
Nun ist ein ganzes Vierteljahr vergangen seit jenen Tagen, wo die Probleme gleich den Meereswogen sich zwischen uns dahinwälzten und Du dann die Kritik unserer Resultate auf 12 Seiten entwickeltest. Wenn ich gehofft hatte, dass ein Verdauungsprozess, der längere Zeit in Anspruch nehmen würde, meine Kritik am selben Objekt und an Deiner Kritik ans Licht bringen könnte, so habe ich mich bis zu einem gewissen Grade getäuscht. ………………….. (Paul Tillich Briefwechsel & Streitschriften, Stuttgart, 1983, 20 ff.)
Schriftkontakt zu Eugen Rosenstock-Huessy:
Eugen Rosenstock-Huessy: Geb 6.7.1888 in Berlin als Sohn jüdischen Bankiers; Habilitation 1912 nach Jurastudium in verfassungsgeschichtlicher Untersuchung; 1914 Heirat schweizerin Huessy; in Kriegsjahren Frontoffizier; Befürworter des christlich-jüdischen Dialogs; aus Dialog mit Rosenzweig erwuchs Rosenzweigs Dialog „Stern der Erlösung“; seit 1923 Ordinarius für deutsche Rechtsgeschichte, bürgerliches Handels- und Arbeitsrecht; 1933 Enteignung und Vertreibung aus Deutschland – Exil in den USA, 1935 Professur für Philosophie am Darthmouth College; Kreisauer Widerstandskreis von mitgeprägt durch Rosenstock (1940)
Brief von Paul Tillich an Eugen Rosenstock Hussey -1935:
„Lieber Herr Rosenstock,
drei gewichtige Briefe von Ihnen liegen vor mir: kurze Zeit auch die Korrekturbogen ihres Briefwechsels mit Rosenzweig, es ist aber vielleicht besser, dass ich auf sie Bezug nehme, da sie einer anderen Periode angehören, und nach dem kurzen Blick, den ich auf sie werfen konnte, für mich sehr schwer zugänglich sind. So beschränkte ich mich auf die Briefe, die ja auch so gefüllt mit Gedanken sind, dass die Antwort eine wissenschaftliche Arbeit ist, die ich auf die Ruhe meiner Chicagoer Wochen verschieben musste. ……. (a.a.O., 275ff)
Schriftkontakt zu Kurt Leese
Kurt Leese: geb. 6.7. 1887 in Gollnow; Sohn eines Juristen; protestantisches Gymnasium in Strassburg; Studium der Theologie Rostock, Straßburg, Berlin; 1912 Promotion Theologie in Kiel; Diskussionsrunde „Vernunftabende“ mit Richard Wegener, Paul Tillich, Eduard Le Seur in Berlin; Militärgeistlicher; nach Weltkrieg 1921-1932 3. Pfarrstelle in HH; Leese – Grenze zwischen protestanischer Theologie und bürgerlicher Philosophie; theologische Krisenzeit während des 2. Weltkrieges; 1940 Entzug der Lehrbefugnis nach nicht zufrieden stellender Lehre zur „Geschichte der deutschen Frömmigkeir“; Rückkehr Leeses an die Uni 1945; Emiritierung Uni Hamburg 1955, gestorben 1965
Brief von Paul Tillich an Kurt Leese, New –York 1934:
„Lieber Kurt!
Statt einer Antwort auf meinen Weihnachtsbrief kam dein Buch. Herzlichen Dank! Ich las es heut in einer Art Kampener Heide auf einer Insel im Atlantischen Ozean, wo wir den Sommer über in einem wundervoll gelegenen Bungalow hausen. Ich freue mich, dass es nicht hält, was der Titel zu versprechen scheint, eine der ad hoc Schriften zu sein, die mit wenig Geist und viel nationaler Phraseologie die Konjunktur ausnutzen. Ich freie mich, dass Du dem theologischen Rassenschwindel klar und scharf auf den Leib rückst, besonders gut und komprmisslos im Schlusskapitel. Aber auch die 4 Beispiele bedeuten ja in Wahrheit eine vollkommene Destruktion des arischen Mythos.“ ……
(A.a.O. 302-303)
Paul Tillich: aus seinen Briefwechseln und Streitschriften
Schriftkontakt zu Friedrich Büchsel:
Friedrich Büchsel: Geb. 2.7. 1883 in Stücken; Brandenburg (Vater Pfarrer); Gymnasium Paulinum; Studium der Ev. Theologie Tübingen, Halle (Begegnung mit Tillich); Systematischer Exeget; Inspektor am Predigerseminar Soest (1907); 1911 Habilitation zum johanneischen Wahrheitsbegriff; 1908 Ruf für Neues Testament nach Rostock, Professur in Rostock bis zum Tod
Brief von Paul Tillich an Friedrich Büchsel:
Berlin, den „vierten Feiertag“ (1907)
„Lieber Friedrich!
Nun ist ein ganzes Vierteljahr vergangen seit jenen Tagen, wo die Probleme gleich den Meereswogen sich zwischen uns dahinwälzten und Du dann die Kritik unserer Resultate auf 12 Seiten entwickeltest. Wenn ich gehofft hatte, dass ein Verdauungsprozess, der längere Zeit in Anspruch nehmen würde, meine Kritik am selben Objekt und an Deiner Kritik ans Licht bringen könnte, so habe ich mich bis zu einem gewissen Grade getäuscht. ………………….. (Paul Tillich Briefwechsel & Streitschriften, Stuttgart, 1983, 20 ff.)
Schriftkontakt zu Eugen Rosenstock-Huessy:
Eugen Rosenstock-Huessy: Geb 6.7.1888 in Berlin als Sohn jüdischen Bankiers; Habilitation 1912 nach Jurastudium in verfassungsgeschichtlicher Untersuchung; 1914 Heirat schweizerin Huessy; in Kriegsjahren Frontoffizier; Befürworter des christlich-jüdischen Dialogs; aus Dialog mit Rosenzweig erwuchs Rosenzweigs Dialog „Stern der Erlösung“; seit 1923 Ordinarius für deutsche Rechtsgeschichte, bürgerliches Handels- und Arbeitsrecht; 1933 Enteignung und Vertreibung aus Deutschland – Exil in den USA, 1935 Professur für Philosophie am Darthmouth College; Kreisauer Widerstandskreis von mitgeprägt durch Rosenstock (1940)
Brief von Paul Tillich an Eugen Rosenstock Hussey -1935:
„Lieber Herr Rosenstock,
drei gewichtige Briefe von Ihnen liegen vor mir: kurze Zeit auch die Korrekturbogen ihres Briefwechsels mit Rosenzweig, es ist aber vielleicht besser, dass ich auf sie Bezug nehme, da sie einer anderen Periode angehören, und nach dem kurzen Blick, den ich auf sie werfen konnte, für mich sehr schwer zugänglich sind. So beschränkte ich mich auf die Briefe, die ja auch so gefüllt mit Gedanken sind, dass die Antwort eine wissenschaftliche Arbeit ist, die ich auf die Ruhe meiner Chicagoer Wochen verschieben musste. ……. (a.a.O., 275ff)
Schriftkontakt zu Kurt Leese
Kurt Leese: geb. 6.7. 1887 in Gollnow; Sohn eines Juristen; protestantisches Gymnasium in Strassburg; Studium der Theologie Rostock, Straßburg, Berlin; 1912 Promotion Theologie in Kiel; Diskussionsrunde „Vernunftabende“ mit Richard Wegener, Paul Tillich, Eduard Le Seur in Berlin; Militärgeistlicher; nach Weltkrieg 1921-1932 3. Pfarrstelle in HH; Leese – Grenze zwischen protestanischer Theologie und bürgerlicher Philosophie; theologische Krisenzeit während des 2. Weltkrieges; 1940 Entzug der Lehrbefugnis nach nicht zufrieden stellender Lehre zur „Geschichte der deutschen Frömmigkeir“; Rückkehr Leeses an die Uni 1945; Emiritierung Uni Hamburg 1955, gestorben 1965
Brief von Paul Tillich an Kurt Leese, New –York 1934:
„Lieber Kurt!
Statt einer Antwort auf meinen Weihnachtsbrief kam dein Buch. Herzlichen Dank! Ich las es heut in einer Art Kampener Heide auf einer Insel im Atlantischen Ozean, wo wir den Sommer über in einem wundervoll gelegenen Bungalow hausen. Ich freue mich, dass es nicht hält, was der Titel zu versprechen scheint, eine der ad hoc Schriften zu sein, die mit wenig Geist und viel nationaler Phraseologie die Konjunktur ausnutzen. Ich freie mich, dass Du dem theologischen Rassenschwindel klar und scharf auf den Leib rückst, besonders gut und komprmisslos im Schlusskapitel. Aber auch die 4 Beispiele bedeuten ja in Wahrheit eine vollkommene Destruktion des arischen Mythos.“ ……
(A.a.O. 302-303)
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Paul Tillich über Harald Poelchau
paulemeister, 00:03h
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Sören Kierkegaards Rezeption durch Paul Tillich
paulemeister, 00:00h
Sören Aabye Kierkegaard (*05.05.1813, † 11.09.1855) lebte und wirkte, rund 30 Jahre vor Paul Tillichs Geburt, in Kopenhagen. Er gilt als bedeutendster Dänischer Philosoph und religiöser Schriftsteller. Erst nach seinem Tod erlangte Kierkegaard Bedeutung außerhalb Dänemarks. Sören Kierkagaard gilt als Begründer des Existentialismus, von dessen Tradition auch das Denken Paul Tillichs beeinflusst wurde. In den 1930er Jahren wurden Sören Kierkegaards Werke ins Englische übersetzt. Dadurch begann die Rezeptionsgeschichte im englischsprachigen Raum, zeitgleich mit Paul Tillichs Flucht aus Deutschland und seiner Ankunft in den USA. Da Kierkegaards Tagebücher und Hauptwerke schon Anfang des 20. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt wurden, kam Paul Tillich, schon vor seiner Flucht, als Student und später als Dozent mit Kierkegaards Schriften in Berührung. So kann man behaupten, das Tillich die Entdeckung Kierkegaards und die erste Auseinandersetzung mit ihm gleich zweifach erlebte, freilich vor verschiedenen Soziokulturellen Hintergründen. Tillichs Beeinflussung durch Kierkegaard tritt besonders deutlich in seiner Monographie „Der Mut zum Sein“ hervor. Den Begriff der Angst, die dem „Mut zum Sein“ entgegensteht, hat Paul Tillich gänzlich von Kierkegaard übernommen. Er unterscheidet hierbei genau wie Kierkegaard zwischen Furcht und Angst. Furcht ist das, was volkstümlich auch als Angst bezeichnet wird, und zwar die Furcht vor einem direkten Objekt, z.B. vor Spinnen oder einem Feind. Angst hingegen wird hier als ontologische Größe verwendet, sie ist etwas das in der Ordnung des menschlichen Daseins gründet. Sie entsteht, weil das Selbst nicht Eines, sondern eine Synthese aus Gegensätzen ist. Nach Kierkegaard ist das Selbst ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält. Einfach gesagt ist es die Tatsache, dass mir auffällt, dass ich aus Gegensätzen bestehe (z.B. Endlichkeit und Unendlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit) und nun damit umgehen, mich also zu diesem Verhältnis, welches ich bin, verhalten muss. Die Angst beschreibt Kierkegaard als den Schwindel der Freiheit. Sie ist von dialektischer Qualität, da sie mich sowohl unfrei und sündig machen kann, aber ebenso, wenn man lernt, sich richtig zu ängstigen, die Grundlage dafür ist, sich ins richtige Verhältnis zu setzen. Für diese Ontologische Angst ist Kierkegaards Lösung der Sprung in den Glauben, mit anderen Worten die Akzeptanz der Synthese, die der Mensch ist, und zwar eine Synthese, die er nicht selbst gesetzt hat, sondern von Gott gesetzt wurde, und damit die Überwindung des Schwindels der Freiheit, indem ich in Freiheit mich selbst ergreife. Hinzukommt, dass ich diesen Vorgang ständig aufs neue Wiederholen muss.
Paul Tillich schreibt von „Mut zum Sein“ und davon, dass der Mensch eben diese Angst als Tatsache wahrnehmen und akzeptieren muss, da sie, wie bereits erwähnt, zu seinem Sein dazu gehört. Er muss diese Angst in den Mut zum Sein mit hineinnehmen in dem Bewusstsein, dass die Macht des Seins dem Nichtsein überlegen ist.
Quellen
Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode.
Sören Kierkegaard, Der Begriff der Angst.
Sören Kierkegaard, Die Wiederholung.
Paul Tillich, Der Mut zum Sein.
Annemarie Pieper, Sören Kierkegaard.
Arne Grön, Angst bei Sören Kierkegaard.
Paul Tillich schreibt von „Mut zum Sein“ und davon, dass der Mensch eben diese Angst als Tatsache wahrnehmen und akzeptieren muss, da sie, wie bereits erwähnt, zu seinem Sein dazu gehört. Er muss diese Angst in den Mut zum Sein mit hineinnehmen in dem Bewusstsein, dass die Macht des Seins dem Nichtsein überlegen ist.
Quellen
Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode.
Sören Kierkegaard, Der Begriff der Angst.
Sören Kierkegaard, Die Wiederholung.
Paul Tillich, Der Mut zum Sein.
Annemarie Pieper, Sören Kierkegaard.
Arne Grön, Angst bei Sören Kierkegaard.
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Tillich über Nietzsche
paulemeister, 23:54h
Liebe Freunde,
vor Kurzem las ich, aus einer Laune heraus, erneut einige Kapitel im Zarathustra und möchte an dieser Stelle einmal mit Nachdruck empfehlen, sich mit diesem Werk Friedrich Nietzsches eingehender auseinanderzusetzen. In kaum einem anderen Zeugnis des Ringens der Menschen mit dem Nichtsein und der aus ihm stammenden Angst, wird deutlicher, dass jedweder Mut zum Sein eine offene aber im mindesten verborgene religiöse Wurzel hat, wie ich in „Der Mut zum Sein“ ausführlich dargelegt habe.
Beginnt das Buch noch mit der Feststellung, dass Gott tot ist, vorgetragen von einem leichten, tanzenden und begeisterten Zarathustra, wird dieser später mit all jenen Ängsten konfrontiert, die ein solcher Verlust eines geistigen Zentrums, wie Gott es darstellt, mit sich bringt. Mit diesen ontischen wie geistigen Ängsten ringt Nietzsches Protagonist das ganze Buch hindurch und in seinen Lösungen werden die religiösen Wurzeln deutlich. Auch Nietzsche findet seinen Mut zum Sein schlussendlich in einem dynamischen Lebensprozess, im dyonisischen ewigen sich selbst und über sich selbst hinauswollenden Sein. In etwas also, das gleichermaßen Grundlage des individuellen Seins, aber gleichzeitig diesem erhoben, etwas weit über es hinausschreitendes ist.
In jedem Fall sei hier empfohlen, sich an der bloßen Schönheit dieser Schilderungen zu erfreuen und die Offenheit und Konsequenz zu beachten, mit der Nietzsche nach einer Lösung für ein jeden Menschen betreffendes Problem sucht.
Fiktiver Brief Paul Tillichs über die Angst bei Nietzsche.
Vgl: Nietzsche, Friedrich; Also sprach Zarathustra- Kritische Studienausgabe, Colli; Montinari; München 200711.
Zur eingehenderen Betrachtung siehe Nietzsche, Friedrich; Also sprach Zarathustra; Dritter Teil, Vom Gesicht und Räthsel; Aphorismus 1.
vor Kurzem las ich, aus einer Laune heraus, erneut einige Kapitel im Zarathustra und möchte an dieser Stelle einmal mit Nachdruck empfehlen, sich mit diesem Werk Friedrich Nietzsches eingehender auseinanderzusetzen. In kaum einem anderen Zeugnis des Ringens der Menschen mit dem Nichtsein und der aus ihm stammenden Angst, wird deutlicher, dass jedweder Mut zum Sein eine offene aber im mindesten verborgene religiöse Wurzel hat, wie ich in „Der Mut zum Sein“ ausführlich dargelegt habe.
Beginnt das Buch noch mit der Feststellung, dass Gott tot ist, vorgetragen von einem leichten, tanzenden und begeisterten Zarathustra, wird dieser später mit all jenen Ängsten konfrontiert, die ein solcher Verlust eines geistigen Zentrums, wie Gott es darstellt, mit sich bringt. Mit diesen ontischen wie geistigen Ängsten ringt Nietzsches Protagonist das ganze Buch hindurch und in seinen Lösungen werden die religiösen Wurzeln deutlich. Auch Nietzsche findet seinen Mut zum Sein schlussendlich in einem dynamischen Lebensprozess, im dyonisischen ewigen sich selbst und über sich selbst hinauswollenden Sein. In etwas also, das gleichermaßen Grundlage des individuellen Seins, aber gleichzeitig diesem erhoben, etwas weit über es hinausschreitendes ist.
In jedem Fall sei hier empfohlen, sich an der bloßen Schönheit dieser Schilderungen zu erfreuen und die Offenheit und Konsequenz zu beachten, mit der Nietzsche nach einer Lösung für ein jeden Menschen betreffendes Problem sucht.
Fiktiver Brief Paul Tillichs über die Angst bei Nietzsche.
Vgl: Nietzsche, Friedrich; Also sprach Zarathustra- Kritische Studienausgabe, Colli; Montinari; München 200711.
Zur eingehenderen Betrachtung siehe Nietzsche, Friedrich; Also sprach Zarathustra; Dritter Teil, Vom Gesicht und Räthsel; Aphorismus 1.
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Aristoteles: Definition von Mut
paulemeister, 23:50h
Aristoteles über die Tugend der Tapferkeit in seiner Nikomachischen Ethik
Aristoteles Nikomachische Ethik handelt von der Theorie des menschlichen Glücks (griech.: eudaimonia) als höchstem und letztem Ziel (télos) welches Zweck an sich selbst ist. Die Glückse-ligkeit ist also in sich vollendet und genügt sich selbst (autarkes). In Kapitel 6 kommt es zur ge-naueren Wesensbestimmung des menschlichen Glücks im sogenannten Ergon-Argument. Der alt-griechische Begriff ergon fragt nach der Aufgabe oder dem essentiellen Wesen einer Sache. Die Glückseligkeit des Menschen wird als ein Tätigsein der Seele, in Abgrenzung zum bloß Vegetati-ven oder Animalischen, aufgrund ihrer besonderen Befähigung durch die Vernunft genannt. Damit ist das Gute für den Menschen gefunden, denn wenn „wir annehmen, die Aufgabe des Menschen sei ein bestimmtes Leben, nämlich das Tätigsein und die Handlungen der Seele mit Vernunft, die des guten Menschen aber, dies auf gute und lobenswerte Weise zu tun, dann erweist sich das menschliche Gute als Tätigsein der Seele gemäß dem Gutsein." Das Glück des Menschen kann folglich nur verwirklicht werden durch vollkommene, möglichst das ganze Leben umfassende vernunftgemäße Tätigkeit der Seele.
Es wird nun im folgenden Verlauf, aufbauend auf der menschlichen Vernunft, nach der voll-kommensten Tugend (aretē) gefragt. „Denn wir suchten ja das menschliche Gute und die mensch-liche Glückseligkeit. Als menschliche Tugend bezeichnen wir nun nicht die des Körpers, sondern die der Seele. Und die Glückseligkeit nennen wir Tätigkeit der Seele.“ Es wird Bezug genommen auf Kap. 13 des ersten Buches, welches das Seelenvermögen des Menschen beschreibt und eine Zuweisung in zwei Tugendklassen, der Charakter- und der Verstandes-Tugenden vornimmt. In Buch II, der Nikomachischen Ethik wird genauer auf den Tugendbegriff eingegangen und die Tu-genden als ein Habitus, mit Hilfe einer Konzeption der goldenen Mitte (mesotes), bestimmt.
In Kapitel 9-12 des dritten Buches, kommt es nun zum Tapferkeitsbegriff (andreia) als Beispiel einer Charakter-Tugend. Aristoteles bezeichnet die Tapferkeit als die goldene Mitte zwischen ih-rem Mangel, der Feigheit (deilia) und ihrem Übermaß, der Tollkühnheit (thrasytēs). Furcht (pho-bos) und Mut (tharrē) bilden den Handlungsbereich dieser Einzeltugend (aretē) und werden in Be-ziehung auf die Erwartung eines Schlimmen wie z.b. Schande, Armut, Krankheit, Freundlosigkeit oder Tod gebracht. Aristoteles hält fest, dass das Furchterregende nicht für alle Menschen dasselbe ist. Der Tod allerdings ist furchtbar für jeden Menschen der vernünftig ist. „Was aber menschli-cherweise furchterregend ist, ist verschieden nach seiner Größe oder seinem Mehr oder Weniger. Dasselbe gilt auch für jenes das Mut macht.“ Was den mutigen Menschen unterscheidet ist nach Aristoteles, so wie es die Vernunft und wie es die Pflicht will, furchterregende Dinge zwar zu fürchten, jedoch sie zu ertragen um des Guten willen, denn dies sei der Endzweck des Tugendhaf-ten Lebens. „Wer also aushält und fürchtet, was man soll und weswegen man es soll und wie und wann, und wer in derselben Weise Zuversicht hat, der ist tapfer. Der Tapfere nämlich leidet und handelt, wie es angemessen ist und wie es die Vernunft will.“
Aristoteles spricht hier von einem Mangel an Zuversicht im Bezug auf die übermäßige Furcht. Zuversichtlich ist nach dieser Definition derjenige welcher hofft. Hieraus resultiert, das der Feige derjenige ist, welcher zu wenig hofft, weil er alles fürchtet. Der Feige, der Tapfere und der Toll-kühne haben also mit denselben Dingen zu tuen, nur Verhalten sie sich unterschiedlich darauf. „Die einen haben ein Zuviel oder Zuwenig, der Tapfere aber hält sich in der Mitte[...]im Bezug auf Zuversicht und Furcht in den genannten Bereichen.“
(Quelle: Aristoteles, Nikomachische Ethik, griechisch-deutsch, übersetzt von O. Gigon, neu hrsg. Von R. Nickel, Düsseldorf/ Zürich 2001)
Aristoteles Nikomachische Ethik handelt von der Theorie des menschlichen Glücks (griech.: eudaimonia) als höchstem und letztem Ziel (télos) welches Zweck an sich selbst ist. Die Glückse-ligkeit ist also in sich vollendet und genügt sich selbst (autarkes). In Kapitel 6 kommt es zur ge-naueren Wesensbestimmung des menschlichen Glücks im sogenannten Ergon-Argument. Der alt-griechische Begriff ergon fragt nach der Aufgabe oder dem essentiellen Wesen einer Sache. Die Glückseligkeit des Menschen wird als ein Tätigsein der Seele, in Abgrenzung zum bloß Vegetati-ven oder Animalischen, aufgrund ihrer besonderen Befähigung durch die Vernunft genannt. Damit ist das Gute für den Menschen gefunden, denn wenn „wir annehmen, die Aufgabe des Menschen sei ein bestimmtes Leben, nämlich das Tätigsein und die Handlungen der Seele mit Vernunft, die des guten Menschen aber, dies auf gute und lobenswerte Weise zu tun, dann erweist sich das menschliche Gute als Tätigsein der Seele gemäß dem Gutsein." Das Glück des Menschen kann folglich nur verwirklicht werden durch vollkommene, möglichst das ganze Leben umfassende vernunftgemäße Tätigkeit der Seele.
Es wird nun im folgenden Verlauf, aufbauend auf der menschlichen Vernunft, nach der voll-kommensten Tugend (aretē) gefragt. „Denn wir suchten ja das menschliche Gute und die mensch-liche Glückseligkeit. Als menschliche Tugend bezeichnen wir nun nicht die des Körpers, sondern die der Seele. Und die Glückseligkeit nennen wir Tätigkeit der Seele.“ Es wird Bezug genommen auf Kap. 13 des ersten Buches, welches das Seelenvermögen des Menschen beschreibt und eine Zuweisung in zwei Tugendklassen, der Charakter- und der Verstandes-Tugenden vornimmt. In Buch II, der Nikomachischen Ethik wird genauer auf den Tugendbegriff eingegangen und die Tu-genden als ein Habitus, mit Hilfe einer Konzeption der goldenen Mitte (mesotes), bestimmt.
In Kapitel 9-12 des dritten Buches, kommt es nun zum Tapferkeitsbegriff (andreia) als Beispiel einer Charakter-Tugend. Aristoteles bezeichnet die Tapferkeit als die goldene Mitte zwischen ih-rem Mangel, der Feigheit (deilia) und ihrem Übermaß, der Tollkühnheit (thrasytēs). Furcht (pho-bos) und Mut (tharrē) bilden den Handlungsbereich dieser Einzeltugend (aretē) und werden in Be-ziehung auf die Erwartung eines Schlimmen wie z.b. Schande, Armut, Krankheit, Freundlosigkeit oder Tod gebracht. Aristoteles hält fest, dass das Furchterregende nicht für alle Menschen dasselbe ist. Der Tod allerdings ist furchtbar für jeden Menschen der vernünftig ist. „Was aber menschli-cherweise furchterregend ist, ist verschieden nach seiner Größe oder seinem Mehr oder Weniger. Dasselbe gilt auch für jenes das Mut macht.“ Was den mutigen Menschen unterscheidet ist nach Aristoteles, so wie es die Vernunft und wie es die Pflicht will, furchterregende Dinge zwar zu fürchten, jedoch sie zu ertragen um des Guten willen, denn dies sei der Endzweck des Tugendhaf-ten Lebens. „Wer also aushält und fürchtet, was man soll und weswegen man es soll und wie und wann, und wer in derselben Weise Zuversicht hat, der ist tapfer. Der Tapfere nämlich leidet und handelt, wie es angemessen ist und wie es die Vernunft will.“
Aristoteles spricht hier von einem Mangel an Zuversicht im Bezug auf die übermäßige Furcht. Zuversichtlich ist nach dieser Definition derjenige welcher hofft. Hieraus resultiert, das der Feige derjenige ist, welcher zu wenig hofft, weil er alles fürchtet. Der Feige, der Tapfere und der Toll-kühne haben also mit denselben Dingen zu tuen, nur Verhalten sie sich unterschiedlich darauf. „Die einen haben ein Zuviel oder Zuwenig, der Tapfere aber hält sich in der Mitte[...]im Bezug auf Zuversicht und Furcht in den genannten Bereichen.“
(Quelle: Aristoteles, Nikomachische Ethik, griechisch-deutsch, übersetzt von O. Gigon, neu hrsg. Von R. Nickel, Düsseldorf/ Zürich 2001)
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