Montag, 8. Juli 2013
Aristoteles: Definition von Mut
Aristoteles über die Tugend der Tapferkeit in seiner Nikomachischen Ethik

Aristoteles Nikomachische Ethik handelt von der Theorie des menschlichen Glücks (griech.: eudaimonia) als höchstem und letztem Ziel (télos) welches Zweck an sich selbst ist. Die Glückse-ligkeit ist also in sich vollendet und genügt sich selbst (autarkes). In Kapitel 6 kommt es zur ge-naueren Wesensbestimmung des menschlichen Glücks im sogenannten Ergon-Argument. Der alt-griechische Begriff ergon fragt nach der Aufgabe oder dem essentiellen Wesen einer Sache. Die Glückseligkeit des Menschen wird als ein Tätigsein der Seele, in Abgrenzung zum bloß Vegetati-ven oder Animalischen, aufgrund ihrer besonderen Befähigung durch die Vernunft genannt. Damit ist das Gute für den Menschen gefunden, denn wenn „wir annehmen, die Aufgabe des Menschen sei ein bestimmtes Leben, nämlich das Tätigsein und die Handlungen der Seele mit Vernunft, die des guten Menschen aber, dies auf gute und lobenswerte Weise zu tun, dann erweist sich das menschliche Gute als Tätigsein der Seele gemäß dem Gutsein." Das Glück des Menschen kann folglich nur verwirklicht werden durch vollkommene, möglichst das ganze Leben umfassende vernunftgemäße Tätigkeit der Seele.
Es wird nun im folgenden Verlauf, aufbauend auf der menschlichen Vernunft, nach der voll-kommensten Tugend (aretē) gefragt. „Denn wir suchten ja das menschliche Gute und die mensch-liche Glückseligkeit. Als menschliche Tugend bezeichnen wir nun nicht die des Körpers, sondern die der Seele. Und die Glückseligkeit nennen wir Tätigkeit der Seele.“ Es wird Bezug genommen auf Kap. 13 des ersten Buches, welches das Seelenvermögen des Menschen beschreibt und eine Zuweisung in zwei Tugendklassen, der Charakter- und der Verstandes-Tugenden vornimmt. In Buch II, der Nikomachischen Ethik wird genauer auf den Tugendbegriff eingegangen und die Tu-genden als ein Habitus, mit Hilfe einer Konzeption der goldenen Mitte (mesotes), bestimmt.
In Kapitel 9-12 des dritten Buches, kommt es nun zum Tapferkeitsbegriff (andreia) als Beispiel einer Charakter-Tugend. Aristoteles bezeichnet die Tapferkeit als die goldene Mitte zwischen ih-rem Mangel, der Feigheit (deilia) und ihrem Übermaß, der Tollkühnheit (thrasytēs). Furcht (pho-bos) und Mut (tharrē) bilden den Handlungsbereich dieser Einzeltugend (aretē) und werden in Be-ziehung auf die Erwartung eines Schlimmen wie z.b. Schande, Armut, Krankheit, Freundlosigkeit oder Tod gebracht. Aristoteles hält fest, dass das Furchterregende nicht für alle Menschen dasselbe ist. Der Tod allerdings ist furchtbar für jeden Menschen der vernünftig ist. „Was aber menschli-cherweise furchterregend ist, ist verschieden nach seiner Größe oder seinem Mehr oder Weniger. Dasselbe gilt auch für jenes das Mut macht.“ Was den mutigen Menschen unterscheidet ist nach Aristoteles, so wie es die Vernunft und wie es die Pflicht will, furchterregende Dinge zwar zu fürchten, jedoch sie zu ertragen um des Guten willen, denn dies sei der Endzweck des Tugendhaf-ten Lebens. „Wer also aushält und fürchtet, was man soll und weswegen man es soll und wie und wann, und wer in derselben Weise Zuversicht hat, der ist tapfer. Der Tapfere nämlich leidet und handelt, wie es angemessen ist und wie es die Vernunft will.“
Aristoteles spricht hier von einem Mangel an Zuversicht im Bezug auf die übermäßige Furcht. Zuversichtlich ist nach dieser Definition derjenige welcher hofft. Hieraus resultiert, das der Feige derjenige ist, welcher zu wenig hofft, weil er alles fürchtet. Der Feige, der Tapfere und der Toll-kühne haben also mit denselben Dingen zu tuen, nur Verhalten sie sich unterschiedlich darauf. „Die einen haben ein Zuviel oder Zuwenig, der Tapfere aber hält sich in der Mitte[...]im Bezug auf Zuversicht und Furcht in den genannten Bereichen.“

(Quelle: Aristoteles, Nikomachische Ethik, griechisch-deutsch, übersetzt von O. Gigon, neu hrsg. Von R. Nickel, Düsseldorf/ Zürich 2001)