Dienstag, 9. Juli 2013
Sören Kierkegaards Rezeption durch Paul Tillich
Sören Aabye Kierkegaard (*05.05.1813, † 11.09.1855) lebte und wirkte, rund 30 Jahre vor Paul Tillichs Geburt, in Kopenhagen. Er gilt als bedeutendster Dänischer Philosoph und religiöser Schriftsteller. Erst nach seinem Tod erlangte Kierkegaard Bedeutung außerhalb Dänemarks. Sören Kierkagaard gilt als Begründer des Existentialismus, von dessen Tradition auch das Denken Paul Tillichs beeinflusst wurde. In den 1930er Jahren wurden Sören Kierkegaards Werke ins Englische übersetzt. Dadurch begann die Rezeptionsgeschichte im englischsprachigen Raum, zeitgleich mit Paul Tillichs Flucht aus Deutschland und seiner Ankunft in den USA. Da Kierkegaards Tagebücher und Hauptwerke schon Anfang des 20. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt wurden, kam Paul Tillich, schon vor seiner Flucht, als Student und später als Dozent mit Kierkegaards Schriften in Berührung. So kann man behaupten, das Tillich die Entdeckung Kierkegaards und die erste Auseinandersetzung mit ihm gleich zweifach erlebte, freilich vor verschiedenen Soziokulturellen Hintergründen. Tillichs Beeinflussung durch Kierkegaard tritt besonders deutlich in seiner Monographie „Der Mut zum Sein“ hervor. Den Begriff der Angst, die dem „Mut zum Sein“ entgegensteht, hat Paul Tillich gänzlich von Kierkegaard übernommen. Er unterscheidet hierbei genau wie Kierkegaard zwischen Furcht und Angst. Furcht ist das, was volkstümlich auch als Angst bezeichnet wird, und zwar die Furcht vor einem direkten Objekt, z.B. vor Spinnen oder einem Feind. Angst hingegen wird hier als ontologische Größe verwendet, sie ist etwas das in der Ordnung des menschlichen Daseins gründet. Sie entsteht, weil das Selbst nicht Eines, sondern eine Synthese aus Gegensätzen ist. Nach Kierkegaard ist das Selbst ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält. Einfach gesagt ist es die Tatsache, dass mir auffällt, dass ich aus Gegensätzen bestehe (z.B. Endlichkeit und Unendlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit) und nun damit umgehen, mich also zu diesem Verhältnis, welches ich bin, verhalten muss. Die Angst beschreibt Kierkegaard als den Schwindel der Freiheit. Sie ist von dialektischer Qualität, da sie mich sowohl unfrei und sündig machen kann, aber ebenso, wenn man lernt, sich richtig zu ängstigen, die Grundlage dafür ist, sich ins richtige Verhältnis zu setzen. Für diese Ontologische Angst ist Kierkegaards Lösung der Sprung in den Glauben, mit anderen Worten die Akzeptanz der Synthese, die der Mensch ist, und zwar eine Synthese, die er nicht selbst gesetzt hat, sondern von Gott gesetzt wurde, und damit die Überwindung des Schwindels der Freiheit, indem ich in Freiheit mich selbst ergreife. Hinzukommt, dass ich diesen Vorgang ständig aufs neue Wiederholen muss.
Paul Tillich schreibt von „Mut zum Sein“ und davon, dass der Mensch eben diese Angst als Tatsache wahrnehmen und akzeptieren muss, da sie, wie bereits erwähnt, zu seinem Sein dazu gehört. Er muss diese Angst in den Mut zum Sein mit hineinnehmen in dem Bewusstsein, dass die Macht des Seins dem Nichtsein überlegen ist.


Quellen
Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode.
Sören Kierkegaard, Der Begriff der Angst.
Sören Kierkegaard, Die Wiederholung.
Paul Tillich, Der Mut zum Sein.
Annemarie Pieper, Sören Kierkegaard.
Arne Grön, Angst bei Sören Kierkegaard.